Steckdosen und EU-Stecker

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Re: Bleigießen verboten...

Ungelesener Beitragvon Chefstratege » 5. Jan 2018, 02:16

Die großen Elektrokonzerne, die riesige Stückzahlen produzieren, weltweit agieren und globale Absatzmärkte haben, die gab es sowohl vor 100 als auch erst Recht vor 50 Jahren. Vielleicht waren sie damals sogar noch stärker als heute, denn sie hatten keine asiatische Konkurrenz. Für eine Siemens, AEG oder GE spielt es keine Rolle, was Dänemark für Stecker verwendet. Meistens machen sie diese Normen sogar selbst, zumindest bei den DIN-Norm-Ausschüssen treffen sich regelmäßig Vertreter genau solcher und ähnlicher Konzerne wieder, weltweit ist das nicht anders. Für die Industrie ist eine Steckervielfalt und ein Wandel im Gegenteil eher von Vorteil, weil sie immer wieder neue Produkte einführen und teuer vertreiben können. Die Maschinen die man braucht um Stecker herzustellen sind heute wie damals simpel. Sollte Dänemark sich tatsächlich entscheiden über Nacht den internationalen Steckerhandel zu verbieten, dann tauschen sie die Spritzgussformen und produzieren auf den gleichen Maschinen eben Stecker für Uruguay, Neuseeland oder Klimbimbistan.
Das Lieferprogramm von Siemens von vor 100 Jahren, nur elektrische Antriebe und Beleuchtung betreffend, ist ein Tabellenbuch mit 500 Seiten. Darunter x Sorten Schalter, Lampen und Steckverbinder.
Die kleine Klitsche, in der ein Meister und fünfzehn Gesellen Tag und Nacht bei Kerzenschein sitzen und Stecker aus Bakelitblöcken feilen spielt doch keine Rolle für solche Betrachtungen. Hat sie auch vor 50 Jahren nicht. Und kein Großkonzern der eine ernsthafte Bedrohung für eine heimische Industrie darstellt und auf den solche Maßnahmen ausgerichtet sind, lässt sich von einem Pfennigartikel davon abhalten, auf einen ganzen Elektrogerätemarkt vorzudringen.

Wie gesagt - ich kenne keine Aussagen, offizieller oder inoffizieller Art die behaupten, dass es wirtschaftlicher Protektorismus war. Ich bin aber überzeugt davon, dass es die gäbe, wenn dem so gewesen wäre. Bei SCART gibt es sie. Aufgrund der simplen Herstellung, der billigen Produkte und der massenhaften Verfügbarkeit weltweit (die auch schon vor 50 oder 100 Jahren so gegeben war) erscheint das kaum sinnhaft. Nichts im Vergleich dazu, einen neuen Zeilenstandard für einen Röhrenfernseher zu entwickeln, wie es vor SCART sehr wohl erfolgreicher französischer Wirtschaftsprotektorismus war. Sollte es wider meinem Erwarten doch so gewesen sein haben sie ziemlich auf ganzer Linie versagt, denn große erfolgreiche Elektrotechnikhersteller unter dänischer Flagge sind seeehr rar gesäht.
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Re: Steckdosen und EU-Stecker

Ungelesener Beitragvon Schreiberling » 5. Jan 2018, 20:00

Nun ja, Sinn und Zweck von Protektionismus ist es, die eigene Industrie zu schützen, dabei müssen keine totalen Ziele wie die vollkommene Abschottung des Marktes verfolgt werden. Unter Umständen genügt es schon, den Marktpreis durch raffiniert kombinierte Handelshemmnisse etwas nach oben zu verschieben.

Vielleicht hält man die Großen wie Siemens und AEG nicht draußen, dafür aber mittelständische Hersteller und solche Hersteller, die sich nicht für diesen Markt besonders interessieren. Dazu kommt, daß sich die Losgrößen verringern, auch der Großkonzern muß sich mit den Stückzahlen des kleinen Marktes arrangieren und kann weniger von Skalenfaktoren der Großserienherstellung und Optimierungen in der Lagerhaltung profitieren. Er wird sich, wenn er weiß, daß das betreffende Land eine Marktbereinigung zu Ungunsten seines einheimischen Herstellers nicht zulassen will, vielleicht auch mit dem nationalen Hersteller zu arrangieren versuchen (etwa in Form von Kartellen und anderen Absprachen, die früher in vielen Ländern nicht bekämpft wurden.)

Es ging da vielfach mehr oder weniger darum, den nationalen Hersteller abzusichern, Arbeitsplätze zu bewahren usw. ohne aber gleich Holzhammermethoden anzuwenden, die dem eigenen Außenhandel massiv schaden könnten. Es macht jedenfalls objektiv gesehen wenig Sinn, daß Länder wie Dänemark oder die Schweiz eigene Systeme einführten, die sich nur marginal von bereits erfundenen unterscheiden.

Es macht aber in jedem Fall für den einheimischen Produzenten einen Unterschied, ob man 3 oder 300 Konkurrenten hat und es dürfte kaum zu bezweifeln sein, daß weniger verbreitete Stecksysteme auch von weniger Herstellern produziert werden.
Auf der Diskussionsseite der Wikipedia zum dänischen Stecker, schreibt einer, daß in Dänemark heute viele Geräte mit Schukosteckern statt dänischem Stecker geliefert werden (im Gegensatz zu früher) und auch in der Schweiz muß das ein Thema sein.

https://www.srf.ch/sendungen/kassenstur ... er-stecker

Wie gesagt, ich denke, es geht bzw. ging darum, den einheimischen Herstellern einen kleinen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.
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Re: Steckdosen und EU-Stecker

Ungelesener Beitragvon Schreiberling » 17. Jan 2018, 20:21

Habe mal interessehalber über den Teich geguckt: Was die Herren US-Amerikaner und Japaner sich steckertechnisch leisten, geht auf keine Kuhhaut - kleines Horrorkabinett gefällig?

http://listverse.wpengine.netdna-cdn.co ... 437472.jpg

https://listverse.com/2017/07/21/10-dea ... sed-today/

https://www.aliexpress.com/item/USA-Can ... 07226.html

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NEMA-1 extension cord [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], by ArnoldReinhold (Own work), from Wikimedia Commons

Kabel mit Zwillingslitze ohne doppelte Isolierung auch für größere Verbraucher, Stecker deren Metallkontakte man beim Einstecken problemlos berühren kann (Isolierungen wie beim Eurostecker sind wohl nicht mal erlaubt nach der offiziellen Norm, jedenfalls sind sie so gut wie nicht erhältlich), Verlängerungsstecker in die man den Stecker auf Grund fehlender Schutzkragen einpolig einführen kann, wenn man zum Beispiel irgendwo hinter Schränken herumpfriemelt oder im Dunkeln. Die Steckdosen und sogar die Kupplungen der Verlängerungsstecker haben nämlich in aller Regel (ohne signifikante Ausnahmen) keinen Schutzkragen und viele Verlängerungskupplungen auch so wenig "Fleisch", daß man einfach den Stecker "daneben" stecken kann. Weiterhin sollen sich die Stecker ständig verbiegen und nicht in den Steckdosen halten.

Interessant wie es sein kann, daz zwei technologische Großmächte auf dem Niveau von vor 100 Jahren stehengeblieben sind. Wobei sich allerdings die Qualität der Ausführung seit damals eher verschlechtert haben muß.

Es scheint englischen Foren nach zu urteilen, so gut wie keine US-Amerikaner zu geben, die noch keinen Stromschlag an ihren mistigen Steckern bekommen haben, daß Kinder diese blödsinnigen Verlängerungskabel in den Mund stecken oder durch das Abschlecken von Steckdosen sich schwere Verletzungen zuziehen, muß wohl auch vorkommen. Auch brennen wegen des schlechten Kontakts wohl häufiger Steckvorrichtungen bei hoher Belastung regelrecht aus.

Ich wundere mich immer wieder, was alles vorgeschrieben werden muß, damit die trivialsten Schutzvorkehrungen getroffen werden. Wobei es bestimmt auch Dinge gibt, die in den USA oder Japan wesentlich besser geregelt sind, das soll jetzt kein Hochmut sein. Interessanterweise sind die amerikanischen Stecker verpolungssicher, der eine Kontaktstift ist etwas breiter als der andere. Damit kann sichergestellt werden, daß etwa der stromführende Leiter im Inneren der Glühlampenfassung liegt und ähnliches, dieser Mangel des kontinentaleuropäischen systems scheint nun wieder die Amerikaner zu "beunruhigen".
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