Der Anwalt und sein Klient

Hier darfst du dich mit all den anderen Mitgliedern über all das austauschen, was sonst nirgendwo hineinpasst.

AbonnentenAbonnenten: 0
LesezeichenLesezeichen: 0
Zugriffe: 704

Der Anwalt und sein Klient

Ungelesener Beitragvon Jacko » 19. Mai 2017, 21:40

Durch den anderen Thread bin ich wieder über einen Gedanken gestolpert, der mich immer wieder mal beschäftigt. Und weil ja unser Schreiberling auch noch den anwältlichen Gewerbe angehört, kann ich jetzt direkt mal fragen:

Wie geht man als Anwalt damit um, wenn man ganz genau merkt, der Klient lügt einen an, man muss ihn aber jetzt verteidigen? Die Vorstellung, hier hat einer mehrere Menschen um Hab und Gut betrogen und jetzt muss ich als Anwalt auch noch mildernde Umstände finden, um ihn vor dem Knast zu bewahren, obwohl man ihn vielleicht an die Wand tackern will. Wie gehst du mit solchen Fällen um bzw. hattest du schon mal so einen Fall?

Okay, wenn dich der Klient anlügt, du kannst ja nur glauben, was er dir erzählt. Wie fühlt sich das an, wenn man dahinter kommt? Wie verhälts du dich da?

Wenn ich hier an meine Gefühle denke, ich wäre ein schlechter Anwalt...
"Die Summe der Interligenz auf dem Planeten ist eine Konstante, aber die Bevölkerung wächst"
(Jean-Luc Picard)


Ich schlaf nicht gern auf weichen Daunen;
denn statt des Märchenwaldes Raunen
hör ich im Traume all die kleinen
gerupften Gänslein bitter weinen.
Sie kommen an mein Bett und stöhnen
und klappern frierend mit den Zähnen,
und dieses Klappern klingt so schaurig...
Wenn ich erwache, bin ich traurig.

Heinz Erhardt
Benutzeravatar
Jacko
Captain Funky
Captain Funky
 
Beiträge: 8843
Registriert: 08.2014
Wohnort: Esslingen
Danke gegeben: 822
Danke bekommen: 1510x in 1239 Posts
Geschlecht: männlich
Wie hast du uns gefunden?: Andere
Aktuelle Stimmung: immer optimistisch!

Re: Der Anwalt und sein Klient

Ungelesener Beitragvon Heinzz » 19. Mai 2017, 22:04

Identifiziert man sich als Anwalt eigentlich mit dem aktuellen Fall?
Ist die anwaltliche Tätigkeit nicht nur der Ausgleich gegenüber einer anklagenden Behörde, die sehr viel in Bewegung setzen kann um einen Angeschuldigten zu belasten?
Man wäre als Angeklagter sehr einsam gegenüber anklagenden Profis mit umfangreicher Ausbildung und Berufserfahrung.

Ich denke es gibt da ein einfaches Schema nach dem man als Anwalt handelt.
Belogen zu werden gehört wahrscheinlich zum Geschäft.
Benutzeravatar
Heinzz
Grünschnabel
Grünschnabel||
 
Beiträge: 318
Registriert: 12.2016
Danke gegeben: 13
Danke bekommen: 14x in 14 Posts
Geschlecht: männlich
Wie hast du uns gefunden?: Über andere Foren

Re: Der Anwalt und sein Klient

Ungelesener Beitragvon Schreiberling » 20. Mai 2017, 17:37

Du kannst einem aber auch das Wochende versauen, Jacko... Meine Mandanten erzählen mir natürlich alle nur die Wahrheit und sind lautere Ehrenmänner, die unschuldig verfolgt werden, davon bin ich felsenfast überzeugt. [lach]

Werde wohl mal ernsthafter drauf eingehen, aber mir fehlt gerade wirklich die Lust dazu. Irgendwie ist das so wie einen Metzger zu fragen, was er in die Wurst macht...
Bild

Avatarbild: Gaby Stein ("steinchen"), Pixabay, frei verwendbar.
Benutzeravatar
Schreiberling
König
König
 
Beiträge: 1346
Registriert: 03.2015
Danke gegeben: 62
Danke bekommen: 126x in 111 Posts
Geschlecht: männlich
Wie hast du uns gefunden?: Suchmaschine

Re: Der Anwalt und sein Klient

Ungelesener Beitragvon Jacko » 20. Mai 2017, 17:57

[O.o] das wollte ich aber nicht! Ich dachte da eher, dass du zur Abwechslung dir mal deinen Alltag von der Seele reden könntest... [ok]

Kein Problem, ich hab auch nicht immer den Kopf für alle Dinge.
"Die Summe der Interligenz auf dem Planeten ist eine Konstante, aber die Bevölkerung wächst"
(Jean-Luc Picard)


Ich schlaf nicht gern auf weichen Daunen;
denn statt des Märchenwaldes Raunen
hör ich im Traume all die kleinen
gerupften Gänslein bitter weinen.
Sie kommen an mein Bett und stöhnen
und klappern frierend mit den Zähnen,
und dieses Klappern klingt so schaurig...
Wenn ich erwache, bin ich traurig.

Heinz Erhardt
Benutzeravatar
Jacko
Captain Funky
Captain Funky
 
Beiträge: 8843
Registriert: 08.2014
Wohnort: Esslingen
Danke gegeben: 822
Danke bekommen: 1510x in 1239 Posts
Geschlecht: männlich
Wie hast du uns gefunden?: Andere
Aktuelle Stimmung: immer optimistisch!

Re: Der Anwalt und sein Klient

Ungelesener Beitragvon Lillith » 20. Mai 2017, 23:01

Jacko hat geschrieben:[O.o] das wollte ich aber nicht! Ich dachte da eher, dass du zur Abwechslung dir mal deinen Alltag von der Seele reden könntest... [ok]



Hehe, hat er doch. :057:
Benutzeravatar
Lillith
Foren Gott
Foren Gott
 
Beiträge: 19224
Registriert: 07.2014
Danke gegeben: 3188
Danke bekommen: 2029x in 1720 Posts
Geschlecht: weiblich
Wie hast du uns gefunden?: Suchmaschine

Re: Der Anwalt und sein Klient

Ungelesener Beitragvon darkhexlein » 31. Mai 2017, 14:22

Ein Anwalt verliert seine Zulassung, wenn ihm nachgewiesen wird, selbst zu Lügen.
Wenn er also genau weiß, dass sein Mandant ihn belügt, dann darf er höchstens solche Fakten ausklammern.
Bitte auch unterscheiden zwischen Mandant vertreten vs verteidigen. Verteidigt wird nur in Strafverfahren.
(Beschuldigte in Strafverfahren dürfen sogar lügen - denn man muss ihnen die pöhse Tat nachweisen [ahm] )
Benutzeravatar
darkhexlein
Grünschnabel
Grünschnabel
 
Beiträge: 326
Registriert: 08.2014
Wohnort: Ein Hüttlein steht im Walde - auf meinem Bein :-)
Danke gegeben: 18
Danke bekommen: 43x in 36 Posts
Geschlecht: nicht angegeben
Wie hast du uns gefunden?: Über andere Foren
Aktuelle Stimmung: reif für die Insel

Re: Der Anwalt und sein Klient

Ungelesener Beitragvon Schreiberling » 8. Jun 2017, 00:16

Sagen wir doch mal so Jacko, der Rechtsanwalt ist als Organ der Rechtspflege grundsätzlich verpflichtet, nicht zu lügen, aber er darf eben auch nichts sagen, was seinem Mandanten schaden könnte - beides ist strafbar und kann zu den schon von darkhexlein angedeuteten standesrechtlichen Konsequenzen führen. Damit ist der Grat zuweilen schmal, wenn der Rechtsanwalt weiß oder annehmen muß, daß das, was sein Mandant vorträgt, (sehr wahrscheinlich) nicht stimmt. Warum gelogen wird, hat dabei unterschiedliche Gründe, Scham, Selbsttäuschung, aber natürlich auch Berechnung und Verbrecherintelligenz. Es ist aber doch im Grunde so, daß der Anwalt - sei er nun als Vertreter in einem zivilen oder öffentlichrechtlichen Verfahren oder als Verteidiger in einem Strafverfahren tätig ist - nicht die Aufgabe des gegnerischen Anwaltes oder Staatsanwaltes zu übernehmen hat. Er ist ja gerade da, um die Interessen seines Mandanten wahrzunehmen. Recht zu sprechen ist schließlich die Aufgabe des Richters, der - hoffentlich - dann den Sachverhalt richtig zu werten weiß.

Wer seinen Mandanten nicht in der gewünschten Weise verteidigen kann, weil der etwa von einem verlangt, die Schuld auf einen ersichtlich Unschuldigen zu schieben, der muß im Grunde das Mandat niederlegen, wenn er sich mit seinem Mandanten nicht einig werden kann, jedenfalls muß er dann in der Verhandlung recht schweigsam bleiben. Aber natürlich bewegt man sich da in weiten Teilen Graubereichen. Wann weiß man schon wirklich, ob man angelogen wird? Angesichts der freien Beweiswürdigung des Richters gibt es ja auch im Urteil keine hundertprozentige Sicherheit. Der Ehrgeiz, eine gute Verteidigungsstrategie zu finden, läßt auch so manchen Anwalt die Vorschriften recht locker nehmen, so daß in der Praxis natürlich auch mehr oder weniger gelogen wird.

Letztlich ist es so, der Staatsanwalt ermittelt, was für und gegen den Beschuldigten spricht und der Strafverteidiger versucht die Interessen seines Mandanten zu verteidigen, der Richter fällt schließlich das Urteil. Der Strafverteider sollte m.E. seine Arbeit einfach nur gut machen, idealerweise ohne Ansehung der Person seines Mandanten. Er ist da gewissermaßen wie ein Arzt, der ja auch nicht dem Kriminellen, den er nach einer Schießerei mit der Polizei verarztet, vorsätzlich besonders schlecht behandelt. Wenn man das nicht kann, sollte man das Mandat nicht annehmen und wenn man es überhaupt nicht kann, wohl über einen Berufswechsel nachdenken.

Ich mache ja hauptsächlich Zivilrecht und habe mit Kinderschändern und Raubmördern im Grunde nichts zu tun. Aber es liegt ja auf der Hand, daß solche Täter nicht nur von Leuten verteidigt werden, die das gutheißen, oder die innerlich den Freispruch für ihre Mandanten wünschen. Es entspricht einfach dem Gedanken des Rechtsstaates und einer gewissen Waffengleichheit, daß sich Straftaten beschuldigte eines Verteidigers bedienen können. Der Staat maßt sich ja im Grunde die Sanktionierung bestimmter Handlungen an, um eben allgemeine Selbstjustiz im Interesse der Allgemeinheit aber eben nicht notwendigerweise des einzelnen Rechtsgenossen zu verhindern und durch ein staatliches Gewaltmonopol zu ersetzen. Der Verteidiger, sei es nun des Kinderschänders oder des von Dir genannten Betrügers, der verrichtet seine Tätigkeit im Interesse und nach dem Willen seines Mandanten, so weit das mit dem Recht vereinbar ist und verläßt sich (was sein eigenenes Bedürfnis nach Gerechtigkeit angeht) ansonsten eben darauf, daß auch Staatsanwaltschaft und Gericht ihre Aufgaben gut erledigen.

Daß der Staatsanwalt letzlich eine geringere Strafe fordert bzw. das Gericht darauf erkennt als der Verteidiger (als Mensch) es für richtig hält (vielleicht auch gerade wegen der guten Verteidigungsleistung), kommt schon vor, aber das ist dann eben so. Gleiches gilt natürlich auch für die vom Gesetzgeber geschaffene Rechtslage. Das ist letztlich eben unsere moderne Aufgabenteilung. Ohne eine solche Aufgabenteilung wäre der Täter einem alleinverantwortlichen Richter oder gar dem Rechtsempfinden seiner Mitmenschen ausgeliefert.
Bild

Avatarbild: Gaby Stein ("steinchen"), Pixabay, frei verwendbar.
Benutzeravatar
Schreiberling
König
König
 
Beiträge: 1346
Registriert: 03.2015
Danke gegeben: 62
Danke bekommen: 126x in 111 Posts
Geschlecht: männlich
Wie hast du uns gefunden?: Suchmaschine

Re: Der Anwalt und sein Klient

Ungelesener Beitragvon Jacko » 8. Jun 2017, 07:08

Hi Schreiberling,

danke dass du dir noch die Mühe gemacht hast, auf meine Frage zu antworten. Das ist jetzt soweit genau der Punkt, warum ich froh bin, keinen juristischen Beruf zu haben. Aber danke auch, dass es solche Menschen wie dich gibt, die dann für einen die Verteidigung übernehmen.

Ich wäre bestimmt noch ein viel schlechterer Richter... [O.o]
"Die Summe der Interligenz auf dem Planeten ist eine Konstante, aber die Bevölkerung wächst"
(Jean-Luc Picard)


Ich schlaf nicht gern auf weichen Daunen;
denn statt des Märchenwaldes Raunen
hör ich im Traume all die kleinen
gerupften Gänslein bitter weinen.
Sie kommen an mein Bett und stöhnen
und klappern frierend mit den Zähnen,
und dieses Klappern klingt so schaurig...
Wenn ich erwache, bin ich traurig.

Heinz Erhardt
Benutzeravatar
Jacko
Captain Funky
Captain Funky
 
Beiträge: 8843
Registriert: 08.2014
Wohnort: Esslingen
Danke gegeben: 822
Danke bekommen: 1510x in 1239 Posts
Geschlecht: männlich
Wie hast du uns gefunden?: Andere
Aktuelle Stimmung: immer optimistisch!

Re: Der Anwalt und sein Klient

Ungelesener Beitragvon darkhexlein » 4. Jul 2017, 09:35

Heute Punkt 11.30 Uhr startet eine Verhandlung. Mich vertritt ein Anwalt, den ich nicht kenne. Als Vertretung für meine Anwältin, die keine so weite Strecke fahren will und unlustig ist. Die Gegenseite hat über ihre dortige Anwältin vorab bereits Lügen in der Stellungnahme verkündet. Meine Nerven liegen blank. Und völlig egal, wie die Sache letztendlich heute ausgehen wird - einen tatsächlichen Gewinner kann es nicht geben.
Was den Beruf des Anwalts betrifft - ist das ein Job wie jeder andere. Ich vergleiche gern mit Schachspielern (und Pokern). Ich denke, als Richter und zwischen den Stühlen hockend hat man viel größere "Nöte". Weil unter jeder noch so noblen Robe doch ein Mensch steckt. Mit eigenen Problemen (ggf identischen - in der eigenen Familie). Selbst wenn man Jurist ist bedeutet das nicht wirklich, dass man stets 100%ig mit sämtlichen Gesetzen und Vorschriften einverstanden ist. Von daher - ist es mMn leichter - vertritt man Interessen eines Mandanten und nicht seine eigenen ... Berufsrisiko sozusagen. (Ich brauch heute dringend mentale Ablenkung ...)
Benutzeravatar
darkhexlein
Grünschnabel
Grünschnabel
 
Beiträge: 326
Registriert: 08.2014
Wohnort: Ein Hüttlein steht im Walde - auf meinem Bein :-)
Danke gegeben: 18
Danke bekommen: 43x in 36 Posts
Geschlecht: nicht angegeben
Wie hast du uns gefunden?: Über andere Foren
Aktuelle Stimmung: reif für die Insel

Re: Der Anwalt und sein Klient

Ungelesener Beitragvon Schreiberling » 6. Jul 2017, 00:36

Ich hoffe, es ist einigermaßen positiv für Dich gelaufen.

Selbst wenn man Jurist ist bedeutet das nicht wirklich, dass man stets 100%ig mit sämtlichen Gesetzen und Vorschriften einverstanden ist.


Um Gottes Willen. Mit jedem Gesetz einverstanden zu sein, da müßte man ja... In so irgendeinem Schinken der Sorte Asbach uralt (da hatten wir noch oder schon einen Kaiser), habe ich mal die zutreffenden Worte gelesen "hat sich der Richter einer strengen Selbstzucht zu unterwerfen".
Bild

Avatarbild: Gaby Stein ("steinchen"), Pixabay, frei verwendbar.
Benutzeravatar
Schreiberling
König
König
 
Beiträge: 1346
Registriert: 03.2015
Danke gegeben: 62
Danke bekommen: 126x in 111 Posts
Geschlecht: männlich
Wie hast du uns gefunden?: Suchmaschine

Nächste

Zurück zu "Kaffeelounge"


 

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste

cron